Diakoniechef Künkel sieht in Sarstedter Modell ein Vorbild

 

 

zukunftsmodell

Sarstedt. 56 Freiwillige machen derzeit mit. Mehr als 3000 Stunden ihrer Zeit spendeten sie allein im letzten Jahr. Die Sarstedter Nachbarschaftshilfe „Spontan“ hat sich etabliert. Die Freiwilligenagentur kann durchaus als Erfolgsmodell bezeichnet werden. Immerhin bildeten sich im Landkreis Hildesheim seit dem Jahr 2000 weitere zwölf Hilfseinrichtungen nach ihrem Vorbild heraus. Und doch hat das Koordinationsbüro in Sarstedt zurzeit deutlich mehr Hilfsanfragen als Helfer. Katharina Günter leitet das „Spontan“-Büro. „Nachbarschaftshilfe war früher ganz normal“, sagt sie. Heute sei die freiwillige Unterstützung anderer aber nicht mehr ganz so üblich, denn das deutsche Sozialsystem habe in den vergangenen Jahrzehnten vieles übernommen. Doch dies ändere sich langsam wieder. Leere Sozialkassen, immer mehr Ältere und weniger Geburten: „Die Menschen merken, dass etwas fehlt“, hat Katharina Günter festgestellt. Bei der Sarstedter Nachbarschaftshilfe kann jeder seine Zeit und Fähigkeiten ehrenamtlich anbieten. Hausaufgabenhilfe, den Hund ausführen, Gardinen aufhängen oder den Einkauf tragen – es gibt viele Möglichkeiten zu helfen. Besonders wichtig sei jedoch der soziale Kontakt in Altenheimen, erläutert Günter. „Da herrscht enormer Bedarf, da die Angestellten wenig Zeit fürs Zuhören oder Spazierengehen haben.“ Auch Hilfe für Flüchtlinge werde wichtiger. Bei „Spontan“ koordinieren die Mitarbeiter Angebot und Nachfrage. Entscheidend sei jedoch, was die Ehrenamtlichen anbieten. Nachbarschaftshilfe erfahre oft als Erste, wo es Probleme gebe. Denn nicht jeder wendet sich mit seinen Problemen an öffentliche Stellen, weiß Ann-Kathrin Schellhorn von der Landesarbeitsgemeinschaft für Freiwilligenagenturen. Auch wenn die Ehrenamtlichen selbst nicht helfen können, das Koordinationsbüro vermittelt professionelle Unterstützung – etwa bei dauerhafter Kinderbetreuung. Allerdings will und darf Nachbarschaftshilfe nicht alles machen: Altenpflege, Großreparaturen oder Umzüge lehnen die Helfer ab, erläutert Schellhorn. „Es geht ja um kleine Hilfen im Alltag.“ Getragen wird „Spontan“ von der Diakonie des Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt. Auch weitere solcher Projekte fördert die Landeskirche finanziell und mit fachlicher Beratung. Mehr als zwei Millionen Euro seien seit 2008 hierfür eingeflossen. Die Betroffenen könnten mit freiwilligen Hilfe-Netzwerken ihre Ressourcen bündeln und schlechte Situationen vor Ort selbst ändern, sagt der niedersächsische Diakonie – Direktor Christoph Künkel. „Wir brauchen eine neue Kultur des Sozialen.“ Die Diakonie trage eine besondere Verantwortung, vor Ort zu fördern, denn Kirche sei gerade auf dem Land meist der einzige verbliebene Akteur. Doch Künkel schränkt ein: Ideen wie die Nachbarschaftshilfe könnten noch so gut sein, sie müssen auch mit Leben gefüllt werden. „ Es braucht vor allem Begeisterung und einen langen Atem.

Text und Bild: Stefan Korinth