Ein Artikel der HAZ vom Samstag, den 3. Mai 2012 über einen Helfer von Spontan:

Neuer Freund stöbert sogar den Zwillingsbruder auf

Hans-Jürgen Schade will seine Zeit als Rentner sinnvoll nutzen und besucht Erwin Weippert im Nicolai-Altenheim

Sarstedt (r). Die beiden Männer kennen sich nicht einmal zwei Jahre, und dennoch ist Hans-Jürgen Schade für Erwin Weippert sein verlässlichster Freund.

Auf seine regelmäßigen Besuche kann Erwin Weippert zählen, und ihm verdankt er auch, dass er nach 20 Jahren ohne Kontakt seinen Zwillingsbruder wiedergesehen hat.

 

Hans-Jürgen Schade hat Erwin Weippert durch Vermittlung der Freiwilligenagentur Spontan kennengelernt.Schade aus HAZ Artikel

Nur der dritte Mann zum Skat fehlt zurzeit, da müssen sich die beiden Männer mit Mensch-ärgere-dich- nicht begnügen.*

Der 70-Jährige wollte seine Zeit als Rentner dafür nutzen, anderen zu helfen. Erwin Weippert sehnte sich nach Gesellschaft und einem Spielpartner. Zwar fühle er sich im Altenheim St. Nicolai wohl, aber einen Freund habe er dort nicht gefunden, sagt Erwin Weippert. Und seit dem Tod seiner Frau vor 20 Jahren hat er in Sarstedt auch keine Angehörigen mehr. Zu Hans-Jürgen Schade entwickelte sich rasch ein freundschaftliches, vertrauensvolles Verhältnis.

Als beide sich gemeinsam alte Familienfotos anschauten, erfuhr Hans-Jürgen Schade, dass sein neuer Bekannter einen Zwillingsbruder hatte. Seit 1991 hatten die Brüder sich nicht mehr gesehen, waren damals im Streit auseinander gegangen. Erwin Weippert kannte die Adresse seines Bruders nicht und hatte nie mehr versucht, Kontakt aufzunehmen. Das wollte Hans-Jürgen Schade nicht auf sich beruhen lassen. Mit Hilfe seiner Söhne bekam er aus dem Internet eine Liste aller Weipperts in München und rief sie an – der dritte Anruf war ein Treffer. Der überrumpelte Zwilling brauchte zwar erst einmal einen Moment der Besinnung, aber dann rief er zurück, bot finanzielle Hilfe für seinen Bruder an und war schließlich auch zu einemBesuch bereit.

Zu dritt verbrachten die Männer ein Wochenende, fuhren gemeinsam an den Maschsee, gingen zusammen essen, und bis zum Abend war Hans-Jürgen Schade auch mit Walter Nikolaus Weippert per Du. Der Münchner schaute sich das Heim an, in dem sein Bruder nun lebt, lernte das Personal kennen und versprach, wiederzukommen. Angst habe er vor der Begegnung trotz der langen Trennung nicht gehabt, sagt Erwin Weippert: „Ich habe mich sehr gefreut, überhaupt wieder von ihm zu hören." Früher ist er als Klima- und Lüftungstechniker auf Montage in ganz Deutschland unterwegs gewesen.

Nach Sarstedt kam er seiner Frau zuliebe, gab für sie 1984 seine Wohnung in Berlin und die dortigen Freundschaften auf. Seinen Bruder sah er wenigstens einmal im Jahr zu Weihnachten, nachdem die Zwillinge 1973 beide Eltern durch einen Autounfall verloren hatten. Doch dann hatte es 20 Jahre lang keinen Anruf, keinen Brief mehr gegeben. Hans-Jürgen Schade besucht seinen Freund im St.-Nicolai-Altenheim, das zum Pflegeverbund Diakonie Hildesheim gehört, mindestens einmal in der Woche. Als Unternehmer habe sich sein Leben um Verkaufszahlen und beruflichen Erfolg gedreht. Doch dann erkrankte er schwer, wusste nicht, ob er überleben würde. Sein Unternehmen musste er aufgeben. Er wurde wieder gesund – und wollte seine gewonnene Zeit sinnvoll nutzen.

Seine Frau Monika folgte seinem Beispiel, hilft im Seniorenheim „Heilig Geist" bei der Tagesbetreuung von demenzkranken Menschen. Die Besuche bei Erwin Weippert, sagt Hans-Jürgen Schade, „tun mir ja selber auch gut, das beruht auf Gegenseitigkeit." Darum rät er auch anderen: „Nicht reden, sondern was tun."

*Foto von Neite